Karl Kautsky

Serbien und Belgien in der Geschichte
Österreich und Serbien


4. Der Panslawismus


Der Panslawismus ebenfo wie der Panlatinismus oder Pangermanismus ist nicht, gleich den Bestrebungen der Nationalitäten nach politischer Selbständigkeit, ein Gebilde, das mit Notwendigkeit aus der modernen Enfwicklung hervorgeht. Die nationalen Bestrebungen haben ihre natürliche Wurzel in der Bedeutung der Sprache für die Politik. Sie entspringen dem Bedürfnis, die Volkssprache zur Staatssprache zu machen. Sie müssen, wie schon gezeigt, überall notwendigerweise auftreten, wo sich die moderne Demokratie regt.

Der Panslawismus hat damit nichts zu tun, ebenso wie der Panlatinimus oder Pangermanismus. Er beruht in keiner Weise auf einer Gemeinsamkeif der Sprache. Das zeigte sich schon 1848 drastisch auf dem ersten panslawistischen Kongreß in Präg, auf dem man sich bekanntlich nur deutsch zu verständigen vermochte. Es war die einzige Sprache, die alle anwesenden Slawen verstanden.

Der Panflawismus ist ebenso wie die ihm entsprechenden Panismen des Westens ein kiinstliches Produkt von Professoren, Philologen und Historikern, die die Verwandtschaftsverhältnisse der Sprachen erforscht haben. Unsinnig ist es, wenn aus der Sprachverwandtschaft auf eine Blutsverwandtschaft geschlossen und in diesem Sinne von einer slawischen „Rasse“ gesprochen wird, die natürlich gegen die germanische Rasse den Rassenkampf zu führen hat. Und ebenso unsinnig ist es, wenn aus der Sprachverwandtschaft ohne weiteres auf eine Interessenverwandtschaft geschlossen wird. Damit ist jedoch keineswegs gesagt, daß die Idee des Panslawismus nicht gewissen Interessen entsprechen und dadurch eine Macht werden konnte. Nur waren diese Interessen in anderen Faktoren begründet als in der Sprachenverwandtschaft.

Das gewaltigste Interesse, das hinter dem Panslawismus steckte, war das des Zarismus selbst, des Beherrschers der großen Masse der Slawen. Zur Zeit der letzten Volkszählung in Rußland (1897) lebten dort 92 Millionen Slawen. Die Gesamtzaht der Slawen in der Welt veranschlagte man damals auf 120 Millionen. Die Vereinigung aller Slawen in einer politischen Gemeinfschaft konnte nichts anderes beseuten als ihre Vereinigung unter dem Zaren. Über das Bedürfnis der Herrscher Rußlands selbst hätte natürlich nicht ausgereicht den Panslawismus zu einem ernsthaften politischen Faktor zu erheben, wenn ihm nicht Bedürfnisse in jenen Völkern entgegengekommen wären, nach deren Beherrschung die Zaren verlangten. Diese Bedürfnisse entsprangen aus der unbefriedigenden Lage der Slawen in der Türkei wie in Österreich.

Deren Streben, ihre Lage zu ändern, äußerte sich freilich nichf stets im Panslawismus. Es war sehr zwiespältiger Art. Die Slawen Österreichs, namentlich die Tschechen und die Südslawen, weit weniger die Polen und Ruthenen, fühlten sich stets bedrängt uon Deutschen und Ungarn, und jede dieser slawischen Nationen fühlte sich außerstande, aus eigener Kraft mit ihren Bedrängern fertig zu werden. Sie sahen sich nach einer Schutzmacht um und glaubten sie stets in einer Dynastie zu finden. So wirkten sie konterrevolutionär. Jedoch war es nicht immer die gleiche Dynastie, von der sie Schutz erwarteten.

Gebärdeten sich Deutsche und Ungarn rebellisch, dann boten jene Slawen sich der heimischen Dynastie an und wurden deren Schutztruppe gegen die Revolution als die treuesten Patrioten. Ging aber die Dynastie mit Deutschen und Ungarn Hand in Hand, dann verwandelten sich die slawischen Patrioten in Hochverräter und schielten oder pilgerten nach Moskau, um den Schutz des Zaren gegen die eigene Regierung zu erlangen. In solchen Zeiten hegten sie die Idee des Panslawismus.

Die Rolle des Zaren als Beschützer der griechischen Christen brachte ihm die Anhänglichkeit nicht nur der Serben und Bulgaren, sondern auch der Griechen und Rumänen ein. Seine Rolle als Beschützer der Slawen wiederum zog auch die katholischen Tschechen, Slowenen, Kroaten in seinen Bannkreis.

Dem panslawistischen Zaren Mußte daher Österreich mit weit größerem Mißtrauen gegenüberstehen als dem Schutzherrn der griechisch-orientalischen Kirche.


Zuletzt aktualisiert am 3. Mai 2019